Pfarrkirche St. Michael Kaisten

 

Auf klösterlichem Boden

Das Gebiet um Kaisten gehörte schon früh dem nahen Kloster Säckingen, das im 7. Jh. beim Grab des hl. Fridolin entstand. Wohl spätestens im 10. Jh. erbaute das Kloster in Kaisten eine Pfarrkirche. Die 1938 in der Kirche entdeckten Fundamente eines Vorgängerbaus stammen möglicherweise aus dem 10. Jh.

Ursprünglich gehörte zur Pfarrei Kaisten auch die Siedlung Laufenburg, die von den Habsburgern nach 1200 zur Stadt ausgebaut wurde. Nun übernahm das dortige Gotteshaus die Funktion der Pfarrkirche. Fortan unterstand dem Laufenburger Pfarrer auch Kaisten, das von einem Vikar betreut wurde, der erst ab 1682 ständig vor Ort wohnte. Kurz nach 1800 endeten die säckingische Grundherrschaft als auch die habsburgische Landesherrschaft. Seit 1804 ist Kaisten wieder eine selbständige Pfarrei.

Kirchenpatron St. Michael

Der Erzengel Michael ist im Kirchenraum zweimal als Figur präsent: auf der Orgel und am Hochaltar. Michael ist eine alttestamentliche Gestalt. Als Anführer der himmlischen Heerscharen gilt er als mächtiger Kämpfer gegen das Böse, den Satan. Die Statue auf dem Hochaltar zeigt ihn mit Flammenschwert und Schild mit der Aufschrift «QUIS UT DEUS» (= wer ist wie Gott?), der lateinischen Übersetzung des hebräischen Namens Michael. Sein Festtag ist der 29. September.

Der Kirchenbau von 1717

1716 beklagten sich die Kaister über das einsturzgefährdete Gotteshaus. Die Kriegswirren des 17. Jh. hatten ihm arg zugesetzt. Nach langwierigen Verhandlungen über die Finanzierung eines Neubaus teilten sich schliesslich das Stift Säckingen und der Laufenburger Pfarrer Franz Ringler, dem die Hälfte der Kaister Zehnteinnahmen zufloss, die Kosten.

Im Herbst 1717 fand die Weihe des neuen Gotteshauses statt. Als Architekt wird der Säckinger Stadtbaumeister Johannes Pfeiffer vermutet. Der aus dem bayrischen Bernbeuren stammende Pfeiffer gilt auch als Entwerfer der Kirchenbauten in Frick, Hornussen und Herznach. Das Rundbild aus dem 18. Jh. über dem Chorbogen zeigt den Apostel Petrus mit dem neuen Kaister Gotteshaus.

Kirchenraum vor der Restaurierung 1973

Kirchenraum nach der Renovation 2015

 

Die Innenausstattung

Das Erscheinungsbild des Kirchenraums veränderte sich seit 1717 mehrmals und wurde dem jeweiligen Zeitgeist angepasst. U. a. erhielten 1878 die drei Altäre neue Bilder, 1929 wurden Chor und Schiff mit ornamentalen und figürlichen Motiven ausgemalt. Die Kirchenrestaurierung 1973/75 stellte den vom Barock und Frühklassizismus geprägten Zustand des 18. Jh. wieder her.

Aus der Anfangszeit stammt die in den 1720er-Jahren vom Rheinfelder Johann Isaak Freitag geschaffene Kanzel. Da von ihr Gottes Wort verkündet und interpretiert wird, schmücken figürliche Darstellungen der lateinischen Kirchenväter den Kanzelkorb: (v.l.) Augustinus, Papst Gregor der Grosse, Hieronymus und Ambrosius – Gelehrte, die das biblische Gotteswort in ein theologisches Lehrgebäude gegossen haben. Den Schalldeckel der Kanzel krönt Johannes der Täufer, der Weg bereiter Christi und Patron der Stadtkirche Laufenburg. Auch die Figuren der hll. Barbara und Wendelin an der Chorwand werden Freitag zugeschrieben, der als einer der bedeutendsten Barockbildhauer unserer Hochrheinregion gilt. Er schuf auch die Kanzeln des Säckinger Münsters und der Kirche Herznach, die Ähnlichkeiten mit derjenigen von Kaisten aufweisen.

Hl. Wendelin

Der Hochaltar setzt sich aus Elementen verschiedener Zeitepochen zusammen. Der steinerne Altartisch aus der Bauzeit trägt einen spätbarocken Tabernakel aus der Zeit von 1770/80. Etwas jünger sind die bemerkenswerten weissen Statuen der Erzengel Michael (li.) und Rafael mit Tobias. Geschaffen hat sie Johann Friedrich Vollmar wohl in den 1790er-Jahren. Vollmar, Sohn eines Henkers, lebte damals in Säckingen. Das 1834 gemalte Hauptbild des Altars mit der Kreuzigung Jesu gelangte erst 1975 aus der abgebrochenen Pfarrkirche Döttingen nach Kaisten.

Die Hauptgeschosse der Maria bzw. dem hl. Josef geweihten Seitenaltäre wie auch dasjenige des Hochaltars datieren wahrscheinlich in die 1. Hälfte des 18. Jh. und erhielten in den 1780/90er-Jahren eine Anpassung im Stile des nüchternen Klassizismus. Die Seitenaltäre zeigen seit 1975 Figuren von Vollmar. Am Josefsaltar prangt das Wappen des Barons Ignaz von Grandmont-Stotzingen. Als Obervogt der habsburgischen Herrschaft Laufenburg befürwortete er 1716 den Kirchenbau und beteiligte sich auch finanziell an der Innenausstattung.

Die oben bereits zusammen mit dem hl. Wendelin erwähnte Barbara ist nochmals als Figur präsent, zusammen mit der hl. Katharina von Alexandria an der rechten Schiffswand. Die Figurengruppe stand früher in der Wendelinskapelle an der Strasse nach Laufenburg. Die drei Heiligen genossen in unserer Gegend einst grosse Verehrung: Barbara galt als Fürbitterin für einen guten Tod und gehörte, wie Katharina, zu den Vierzehn Nothelfern. St. Wendelin ist ein im bäuerlichen Milieu bis heute beliebter Viehpatron. Die Figur in der Vitrine im hinteren Kirchenschiff zeigt den hl. Fridolin, den Fricktaler «Landespatron» (vgl. den separaten Flyer).

Dr. Linus Hüsser, Historiker, Ueken